Handwerk
Handwerk im Toggenburg zeigt sich in vielen Formen. Es ist sichtbar in den Häusern, hörbar im Klang der Schellen und bewahrt in kunstvoll bemalten Möbeln. Vieles von dem, was einst für das tägliche Leben unabdingbar war, hat sich bis heute erhalten und auch das Wissen darum wird weitergegeben.
Lebendige Handarbeit
Die Senntumschellen gehören untrennbar zur Alp- und Viehkultur. Ihr Ton kündigt an, dass die Herde unterwegs ist, begleitet den festlichen Alpaufzug und trägt weit über die Hänge hinaus. Hier eine kleine Anmerkung, um Missverständnissen vorzubeugen: Im Toggenburg sind es keine Kuhglocken, denn Glocken tragen hier meist die Geissen. Beide – nicht die Tiere, sondern die Klangelemente – sind das Ergebnis präziser Handarbeit. Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Glocken werden traditionell aus Bronze gegossen, Schellen dagegen entstehen im Schmiedefeuer aus Eisenblech. Sie werden erhitzt, gehämmert und geformt, bis Gewicht und Ton in Einklang sind. Schon kleine Unterschiede in Material und Bearbeitung verändern den Klang – Erfahrung und Gehör des Schmieds sind daher entscheidend. Getragen werden die Schellen an Lederriemen – handgefertigt in der Sattlerei –, die mit Ornamenten, Stickereien und Metallbeschlägen von Ziselierern und Posamentern geschmückt sind. So entstehen Gesamtkunstwerke, die zugleich Ausdruck einer langen Tradition und eines Stücks Identität verkörpern.
Ein weiteres, einst unverzichtbares Handwerk, war die Weissküferei. Küfer stellten Gefässe aus Holz her – Chübel, Bottiche und Eimer, die vor allem in der Milchwirtschaft in Gebrauch waren und auf der Alp bis heute noch sind. Ihre Besonderheit lag darin, dass sie ohne Leim gefertigt wurden und dennoch absolut dicht hielten. Eine Kunst, die viel Erfahrung und Gespür für das Holz, seine Fasern und sein Verhalten im Gebrauch bedingte. Mit dem Aufkommen moderner Materialien verlor dieses Handwerk seine Bedeutung, doch im Toggenburg gibt es eine Werkstatt, in der es weitergeführt wird. In Ennetbühl besteht bis heute eine Weissküferei, die dieses Wissen bewahrt und so ein fast ausgestorbenes Gewerbe am Leben erhält.
Neben Holz und Metall fand auch die Farbe ihren Platz im Toggenburger Handwerk. Aus der Möbelmalerei entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Senntumsmalerei, die Szenen aus dem bäuerlichen Leben aufnahm und zu einer eigenen Kunstform wurde. Beliebt waren Sennenstreifen mit Alpaufzügen, bemalte Melkeimerbödeli oder Tafelbilder, die das Leben auf den Alpen festhielten. Künstler wie Gottlieb Feurer, Felix A. Brander und Niklaus Wenk prägten die Tradition. Besonders bekannt wurde Anna-Barbara Aemisegger-Giezendanner – oft «Babeli» genannt –, eine der wenigen Frauen in diesem Metier. Sie hielt das einfache Leben der Menschen mit unverkennbarer Handschrift fest und schuf Werke, die noch heute in Museen und Privatsammlungen erhalten sind. Im Unterschied zur Appenzeller Bauernmalerei, die oft stilisiert und ornamental wirkt, sind die Toggenburger Arbeiten erzählerischer und nah am Alltag. Sie dokumentieren, was die Menschen umgab, und verwandeln es in anschaubare Erinnerung.
So zeigt sich das Handwerk im Toggenburg als lebendige Kultur – hörbar auf den Alpen, sichtbar in den Häusern und gegenwärtig in vielen Werkstätten.